Ja, lange ist's her, dass ich meinen letzten Beitrag geschrieben habe. Viele treue Leser haben sich vielleicht schon gefragt, ob mir wohl die Lust am Schreiben vergangen sei. Dem ist nicht so, doch andere Tätigkeiten haben mich in den letzten Wochen vom Schreiben abgehalten. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Diplomarbeit standen bereits die Semesterprüfungen vor der Türe. Und als diese der Vergangenheit angehörten, wartete eine Philosophie-Arbeit darauf, endlich in Angriff genommen zu werden. Daneben hiess es langsam, die Koffer zu packen und meine "Zelte" in Paris abzubrechen. Als ich dann nach dem grossen Zügeln am letzten Juni-Wochenende wieder auf heimatlichem Boden stand, blieb mir kaum Zeit, um meine sieben Sachen zu packen, und in die "grünen Ferien" zu reisen. Diese Ferien hatten es in sich, denn sie fanden in Thun statt, genauer gesagt in der Kaserne des Waffenplatzes Thun... Und nun bin ich endlich wieder in der geliebten Heimat angekommen und kann mich ab nächster Woche frisch und erholt wieder in die Bücher vertiefen und über die Tasten meines Computers beugen, um die letzten schriftlichen Arbeiten zu vollenden – ganz nach dem Motto: Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende... J
Gestern Samstag habe ich nun im WB mit grossem Interesse den Artikel von Pfarrer Eduard Imhof gelesen. Er spricht dort u.a. das Thema "Berufung" an, das ja auch eines der Hauptthemen dieses Blogs ist. In dem Text erwähnt er die Berufung des Elischa, welche ihn berührt und zum Nachdenken angeregt habe. Elischa, der alles stehen lässt und dem Ruf Gottes folgt, ist nicht der einzige, dem es so ergeht. Eine meiner Arbeiten, die ich in den nächsten Wochen noch beenden muss, handelt von der Berufung der ersten Jünger im fünften Kapitel des Evangeliums nach Lukas. Auch sie lassen die Boote und Netze am Strand liegen und folgen Jesus nach.
Nun könnte man erwidern, dass all diese Berufungsgeschichten schon sehr alt sind und heute alles anders ist. Ist dem wirklich so? Vielleicht ist eine Berufung nicht immer so spektakulär, wie man sich das manchmal vorstellt oder insgeheim erhofft. Vielleicht geht es einigen ähnlich wie mir (siehe dazu auch diesen Beitrag). Lange Zeit hatte ich auf ein klares Zeichen Gottes gewartet; etwas, das mir ganz klar gesagt hätte: "Komm' mit, Gott braucht Dich, er ernennt Dich zu seinem Mitarbeiter!" Oft kommt dieser Ruf aber nicht wie ein Sturm, mit viel Brausen und Getöse, sondern eher wie ein leises Säuseln, so wie bei Elija am Berg Horeb (vgl. 1 Kön 19). Er war eigentlich auf der Flucht, weil durch ihn Gottes Wirken und Macht offenbar geworden war, und man ihn nun töten wollte. Er war bereit, in der Wüste zu sterben. Müde und erschöpft, vielleicht auch deprimiert und ohne grosse Hoffnung legte er sich hin und schlief ein. Er wollte sein Leben in die Hände seines Schöpfers legen und sterben. Doch Gott schickte ihm einen Engel, der ihm Nahrung brachte für den weiteren Weg. So kam es dann auch zu dieser Begegnung mit Gott, der nicht im Sturm, Erdbeben oder Feuer kam, sondern im sanften, leisen Säuseln. Drei Dinge möchte ich hervorheben.
1) Elija war bereit, sein Leben in Gottes Hände zu legen. Gott lässt ihn nicht in der Wüste sterben, sondern schickt seinen Engel, der sich um ihn kümmert. Oft braucht es diesen Schritt, sein Leben vertrauensvoll in Gottes Hände zu legen, damit Gott Neues schaffen kann. Viele hundert Jahre nach Elija wird Jesus am Kreuz diese Worte sprechen: "Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist." (Lk 23,46) Dieser Satz hat eine so grosse Bedeutung erhalten, dass er noch heute jeden Abend im Nachgebet der Kirche ("Komplet", vgl. Stundengebet) gebetet wird, damit er uns wirklich in Fleisch und Blut übergehen kann. Einige Jahre nach Christi Tod beschrieb Paulus im Brief an die Galater übrigens eine ähnliche Begebenheit, wie Elija sie erlebt hat: "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat." (Gal 2,20)
2) Wer sein Leben vertrauensvoll in Gottes Hände legt, der wird nicht enttäuscht werden; das kann ich aus eigener Erfahrung bezeugen. Oder anders ausgedrückt: "Gott ist treu", wie ich dies im letzten Beitrag beschrieben habe. Gott wird immer einen Engel schicken, der uns "Nahrung" gibt und uns auf unserem Lebensweg begleitet. Wenn wir diesen Engel auch nicht immer "sehen" oder er uns nicht immer vor unangenehmen Erfahrungen bewahrt, so können wir dennoch sicher sein, dass er sicher immer da ist. "Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind." (Röm 8,28) So, wie ein kleines Kind eben erst lernen muss, dass es schmerzhaft sein kann, wenn man sich den Köpf stösst oder die Finger verbrennt. Wozu diese schmerzhafte Erfahrung gut sein soll, erkennt ein Kind in dem Moment wohl noch nicht. Aber auch bei grösseren Problemen im Alltag ist bedingungsloses Vertrauen in Gott Voraussetzung für gutes Gelingen. "Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll", (Röm 8,18) schreibt bereits der Hl. Paulus im Brief an die Gemeinde in Rom. Und er wird wohl wissen, wovon er spricht, wenn er schreibt: "Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert?" (Röm 8,35) All dies hat er am eigenen Leib erlebt. Dennoch ist er Gott treu geblieben, denn er war sich ganz sicher: "Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn." (Röm 8,38-39)
3) Gott kommt im sanften, leisen Säuseln. Warum kommt er eigentlich nicht mit Pauken und Trompeten? Dann gäbe es vielleicht mehr Berufungen, oder vielleicht doch nicht? Ich bin eher der Ansicht, dass dieses bewusste Hören auf Gottes (leise) Stimme eine Voraussetzung ist, um auch später auf ihn zu hören. Denn auch nach der Berufung wird Gottes Stimme manchmal im Stress, in der Hektik, im Medienrummel und im Lärm der Welt unterzugehen drohen. "Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten." (Offb 3,20)
Auch ich habe lange Zeit gebraucht, um auf Gottes Stimme zu hören. Aber wie pflegt mein Spiritual gerne zu sagen: "Lieber eine lange Leitung als gar keine...!" Hätte mir jemand damals gesagt, dass es fast neun Jahre gehen würde bis zu meiner Priesterweihe, hätte ich sehr wahrscheinlich nicht den Mut gehabt, mich auf dieses Abenteuer einzulassen. Und dennoch habe ich es noch keine Sekunde bereut, diesen Weg eingeschlagen zu haben. Gott geht eben diesen Weg mit, und wenn es manchmal hart wird, so schenkt er immer wieder ein kleines Zeichen seiner Gegenwart.
An dieser Stelle möchte ich mich noch ganz herzlich bei allen bedanken, die mich in all den Jahren begleitet haben, sei dies durch aufmunternde Worte, durch freundliche Begegnungen oder durch Mittragen im Gebet. Nur so ist es möglich, diesen Weg zu gehen. Denn niemand wird Priester für sich selber, sondern immer für Gott und die Mitmenschen. "Gott und den Mitmenschen nahe – Priester sein im Volk Gottes" – dieses Motto des Gebetsjahres für geistliche Berufungen (2005) hat mich die letzten Jahre immer wieder begleitet. Und ich würde mich enorm freuen, wenn noch viele junge Männer diesen schönen Weg einschlagen würden, der zum Priestertum führt. Auch wenn der Weg manchmal mit Hindernissen gespickt ist, so bleibt doch immer die tiefe Überzeugung: "Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern!!!" (Ps 18,30)