Das Leben eines Seminaristen hat eigentlich sehr viel mit dem Wallis zu tun: Genauso wie in diesem schönen Bergkanton gibt es im Leben eines Seminaristen Höhen und Tiefen, Berge und Täler. Viele Bergsteiger berichten, dass sie in den Bergen und auf den Gipfeln das Gefühl haben, die Sorgen und Nöte unter sich zu lassen und Gott ein Stückchen näher zu sein.
Auch in der Bibel begegnen die Menschen Gott oft auf Bergen. Mose steigt auf den Berg, um mit Gott zu reden und Jesus zieht sich ebenfalls in die Berge zurück um zu beten. Die berühmte Verklärung des Herrn, bei der Jesus den drei Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes in leuchtendem Licht erscheint, fand ebenfalls auf einem Berge statt: dem Tabor (vgl. Mt 17,1-13).
Wer einmal auf einem Berg war, der weiss, dass man auch auf dem schönsten Berg mit der allerschönsten Aussicht nicht ewig bleiben kann. Auch der beeindruckendste Sonnenauf- oder -untergang ist irgendwann einmal vorbei und die Zeit kommt, um wieder ins Tal hinunter zu steigen. "Der Alltag hat uns wieder", und damit beginnen oft die Sorgen und Probleme von neuem, die man beim Aufstieg hinter sich zu lassen glaubte. Hatte man eben noch einen wunderbaren Aus- und Überblick, wird der Weitblick bald einmal wieder durch die Berge versperrt.
Oft geht es mir im Leben ähnlich. Es braucht zwar immer wieder Überwindung, um die schöne Aussicht auf dem Gipfel gegen die Alltagssorgen einzutauschen. Und doch war mir bereits beim Aufstieg bewusst, dass es mir vergönnt sein wird, ewig auf dem Gipfel zu bleiben. So gilt es, die Zeit auf dem Gipfel zu geniessen. Gestärkt durch die eindrückliche Gipfelerfahrung fällt es mir dann einfacher, die Schwierigkeiten im Alltag durchzustehen.
Wer nun beim Lesen gedacht hat, ich spreche aus eigener Erfahrung von echten, hohen Bergen, die ich bezwungen habe, der überschätzt leider meine sportlichen Fähigkeiten. Dennoch gibt es auch in meinem Leben solche "spirituellen Gipfelerlebnisse", bei denen ich das Gefühl hatte, Gott ganz nahe zu sein. Wer nun denkt, ein Seminarist oder gar ein Priester schwebe immer "auf Wolke sieben", den muss ich leider auf den Boden der Realität zurückholen. Nein, auch wir sind ganz "normale Menschen" (wenn man überhaupt von "normal" sprechen kann, wenn jemand in der heutigen Zeit noch diesen Weg einschlägt J). Dennoch geben mir diese Gipfelerfahrungen immer wieder die Kraft, meinen Weg weiter zu gehen, denn sie sind für mich wie ein kleiner Vorgeschmack vom Himmel. Da lässt es sich auch leichter ertragen, wenn nach dem hohen Gipfel einmal ein finsteres Tal folgt, denn wie heisst es so schön im Psalm 23:
Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht. (Ps 23,4).
Von diesen Gipfelerfahrungen in meinem Leben möchte ich in den nächsten Beiträgen wieder einiges berichten...