Sonntag, 22. Juli 2012

Mit meinem Gott überspringe ich Mauern...

Ja, lange ist's her, dass ich meinen letzten Beitrag geschrieben habe. Viele treue Leser haben sich vielleicht schon gefragt, ob mir wohl die Lust am Schreiben vergangen sei. Dem ist nicht so, doch andere Tätigkeiten haben mich in den letzten Wochen vom Schreiben abgehalten. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Diplomarbeit standen bereits die Semesterprüfungen vor der Türe. Und als diese der Vergangenheit angehörten, wartete eine Philosophie-Arbeit darauf, endlich in Angriff genommen zu werden. Daneben hiess es langsam, die Koffer zu packen und meine "Zelte" in Paris abzubrechen. Als ich dann nach dem grossen Zügeln am letzten Juni-Wochenende wieder auf heimatlichem Boden stand, blieb mir kaum Zeit, um meine sieben Sachen zu packen, und in die "grünen Ferien" zu reisen. Diese Ferien hatten es in sich, denn sie fanden in Thun statt, genauer gesagt in der Kaserne des Waffenplatzes Thun... Und nun bin ich endlich wieder in der geliebten Heimat angekommen und kann mich ab nächster Woche frisch und erholt wieder in die Bücher vertiefen und über die Tasten meines Computers beugen, um die letzten schriftlichen Arbeiten zu vollenden – ganz nach dem Motto: Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende... J

Gestern Samstag habe ich nun im WB mit grossem Interesse den Artikel von Pfarrer Eduard Imhof gelesen. Er spricht dort u.a. das Thema "Berufung" an, das ja auch eines der Hauptthemen dieses Blogs ist. In dem Text erwähnt er die Berufung des Elischa, welche ihn berührt und zum Nachdenken angeregt habe. Elischa, der alles stehen lässt und dem Ruf Gottes folgt, ist nicht der einzige, dem es so ergeht. Eine meiner Arbeiten, die ich in den nächsten Wochen noch beenden muss, handelt von der Berufung der ersten Jünger im fünften Kapitel des Evangeliums nach Lukas. Auch sie lassen die Boote und Netze am Strand liegen und folgen Jesus nach.

Nun könnte man erwidern, dass all diese Berufungsgeschichten schon sehr alt sind und heute alles anders ist. Ist dem wirklich so? Vielleicht ist eine Berufung nicht immer so spektakulär, wie man sich das manchmal vorstellt oder insgeheim erhofft. Vielleicht geht es einigen ähnlich wie mir (siehe dazu auch diesen Beitrag). Lange Zeit hatte ich auf ein klares Zeichen Gottes gewartet; etwas, das mir ganz klar gesagt hätte: "Komm' mit, Gott braucht Dich, er ernennt Dich zu seinem Mitarbeiter!" Oft kommt dieser Ruf aber nicht wie ein Sturm, mit viel Brausen und Getöse, sondern eher wie ein leises Säuseln, so wie bei Elija am Berg Horeb (vgl. 1 Kön 19). Er war eigentlich auf der Flucht, weil durch ihn Gottes Wirken und Macht offenbar geworden war, und man ihn nun töten wollte. Er war bereit, in der Wüste zu sterben. Müde und erschöpft, vielleicht auch deprimiert und ohne grosse Hoffnung legte er sich hin und schlief ein. Er wollte sein Leben in die Hände seines Schöpfers legen und sterben. Doch Gott schickte ihm einen Engel, der ihm Nahrung brachte für den weiteren Weg. So kam es dann auch zu dieser Begegnung mit Gott, der nicht im Sturm, Erdbeben oder Feuer kam, sondern im sanften, leisen Säuseln. Drei Dinge möchte ich hervorheben.

1) Elija war bereit, sein Leben in Gottes Hände zu legen. Gott lässt ihn nicht in der Wüste sterben, sondern schickt seinen Engel, der sich um ihn kümmert. Oft braucht es diesen Schritt, sein Leben vertrauensvoll in Gottes Hände zu legen, damit Gott Neues schaffen kann. Viele hundert Jahre nach Elija wird Jesus am Kreuz diese Worte sprechen: "Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist." (Lk 23,46) Dieser Satz hat eine so grosse Bedeutung erhalten, dass er noch heute jeden Abend im Nachgebet der Kirche ("Komplet", vgl. Stundengebet) gebetet wird, damit er uns wirklich in Fleisch und Blut übergehen kann. Einige Jahre nach Christi Tod beschrieb Paulus im Brief an die Galater übrigens eine ähnliche Begebenheit, wie Elija sie erlebt hat: "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat." (Gal 2,20)

2) Wer sein Leben vertrauensvoll in Gottes Hände legt, der wird nicht enttäuscht werden; das kann ich aus eigener Erfahrung bezeugen. Oder anders ausgedrückt: "Gott ist treu", wie ich dies im letzten Beitrag beschrieben habe. Gott wird immer einen Engel schicken, der uns "Nahrung" gibt und uns auf unserem Lebensweg begleitet. Wenn wir diesen Engel auch nicht immer "sehen" oder er uns nicht immer vor unangenehmen Erfahrungen bewahrt, so können wir dennoch sicher sein, dass er sicher immer da ist. "Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind." (Röm 8,28) So, wie ein kleines Kind eben erst lernen muss, dass es schmerzhaft sein kann, wenn man sich den Köpf stösst oder die Finger verbrennt. Wozu diese schmerzhafte Erfahrung gut sein soll, erkennt ein Kind in dem Moment wohl noch nicht. Aber auch bei grösseren Problemen im Alltag ist bedingungsloses Vertrauen in Gott Voraussetzung für gutes Gelingen. "Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll", (Röm 8,18) schreibt bereits der Hl. Paulus im Brief an die Gemeinde in Rom. Und er wird wohl wissen, wovon er spricht, wenn er schreibt: "Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert?" (Röm 8,35) All dies hat er am eigenen Leib erlebt. Dennoch ist er Gott treu geblieben, denn er war sich ganz sicher: "Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn." (Röm 8,38-39)

3) Gott kommt im sanften, leisen Säuseln. Warum kommt er eigentlich nicht mit Pauken und Trompeten? Dann gäbe es vielleicht mehr Berufungen, oder vielleicht doch nicht? Ich bin eher der Ansicht, dass dieses bewusste Hören auf Gottes (leise) Stimme eine Voraussetzung ist, um auch später auf ihn zu hören. Denn auch nach der Berufung wird Gottes Stimme manchmal im Stress, in der Hektik, im Medienrummel und im Lärm der Welt unterzugehen drohen. "Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten." (Offb 3,20)

Auch ich habe lange Zeit gebraucht, um auf Gottes Stimme zu hören. Aber wie pflegt mein Spiritual gerne zu sagen: "Lieber eine lange Leitung als gar keine...!" Hätte mir jemand damals gesagt, dass es fast neun Jahre gehen würde bis zu meiner Priesterweihe, hätte ich sehr wahrscheinlich nicht den Mut gehabt, mich auf dieses Abenteuer einzulassen. Und dennoch habe ich es noch keine Sekunde bereut, diesen Weg eingeschlagen zu haben. Gott geht eben diesen Weg mit, und wenn es manchmal hart wird, so schenkt er immer wieder ein kleines Zeichen seiner Gegenwart.

An dieser Stelle möchte ich mich noch ganz herzlich bei allen bedanken, die mich in all den Jahren begleitet haben, sei dies durch aufmunternde Worte, durch freundliche Begegnungen oder durch Mittragen im Gebet. Nur so ist es möglich, diesen Weg zu gehen. Denn niemand wird Priester für sich selber, sondern immer für Gott und die Mitmenschen. "Gott und den Mitmenschen nahe – Priester sein im Volk Gottes" – dieses Motto des Gebetsjahres für geistliche Berufungen (2005) hat mich die letzten Jahre immer wieder begleitet. Und ich würde mich enorm freuen, wenn noch viele junge Männer diesen schönen Weg einschlagen würden, der zum Priestertum führt. Auch wenn der Weg manchmal mit Hindernissen gespickt ist, so bleibt doch immer die tiefe Überzeugung: "Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern!!!" (Ps 18,30)

Mittwoch, 13. Juni 2012

Gott ist treu!

So vieles ist in den letzten Wochen geschehen – Erfreuliches und auch weniger Freudiges. Dabei wurde mir wieder einmal bewusst: Gott ist treu – und bleibt uns immer treu, denn er kann gar nicht anders, wie wir im Timotheus-Brief nachlesen können:

"Das Wort ist glaubwürdig: Wenn wir mit Christus gestorben sind, werden wir auch mit ihm leben; wenn wir standhaft bleiben, werden wir auch mit ihm herrschen; wenn wir ihn verleugnen, wird auch er uns verleugnen. Wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen." (2 Tim 2,11-13)

Das soll selbstverständlich kein Freibrief sein für jegliches Verhalten, sondern vielmehr eine aufmunternde und beruhigende Zusicherung des himmlischen Vaters. Das ist es, was das Leben so lebenswert macht trotz allen Problemen, Bedrängnissen und Schwierigkeiten. Wer sich entscheidet, Christus nachzufolgen – beispielsweise als Priesteramtskandidat, aber auch als Familienvater- oder Mutter, als Ordensfrau oder -mann oder auch als ledige Person – der kann nicht ein Leben in Saus und Braus erwarten. "Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach." (Lk 9,23) Viele mögen davor zurückschrecken und kapitulieren. Ja, nach menschlichem Ermessen scheint die Last oft wahrlich zu schwer zu sein. Wer aber auf Gott vertraut, wird eine unglaubliche Kraft erhalten, um Schweres zu ertragen.

So ist es mir in den letzten Wochen ergangen. Was ich selber nicht für möglich gehalten hätte, habe ich durch Gottes Kraft und das Gebet vieler lieber Mitmenschen bereits ein stückweit geschafft. So habe ich beispielsweise meine rund achtzigseitige Diplomarbeit abgegeben und erfolgreich verteidigt. Seit heute gehören zwei mündliche Prüfungen ebenfalls der Vergangenheit an und wenn alles klappt, sind die letzten beiden Prüfungen nächste Woche ebenfalls überstanden.

Wer als Christ aber der Ansicht ist, wenn einmal eine Durststrecke überstanden sei, sei alles wieder in bester Ordnung, der wird wohl irgendwann entmutigt aufgeben. Wenn wir schon auf Erden den Himmel besitzen würden, wer möchte denn dann noch in den Himmel kommen? J Dies soll aber auch nicht ein blosses Vertrösten auf das Jenseits sein, denn wir leben im "Hier und Jetzt". Deshalb schenkt Gott uns auch die Kraft in diesem Leben, um unseren Weg weiter zu gehen, wenn wir auf ihn vertrauen. "Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt." (Mt 28,20)

Der ehrwürdige Bruder Meinrad Eugster, ein Mönch des Klosters Einsiedeln, pflegte seine Mitbrüder mit folgendem Zitat zu ermutigen: "Oh habt nur Geduld, es geht alles vorüber, nur die Ewigkeit nicht." Die wenigsten wissen, dass dieser einfache Bruder, dessen Seligsprechungsprozess seit Jahren in Gang ist, meinem Leben ebenfalls eine entscheidende Wendung gab...

So bleibt mir für den Moment nur noch dieser eine Wunsch: "Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am grössten unter ihnen ist die Liebe." (1 Kor 13,13) Mögen diese drei unser Leben stets prägen und für andere so zum Zeichen werden für jenes Grössere, dass viele vergeblich in der Welt suchen und nicht finden.

Mittwoch, 23. Mai 2012

Wortwolke

Über so vieles möchte ich gerne schreiben, freudige Ereignisse aus der Vergangenheit teilen, in schönen Erinnerungen schwelgen. Aber momentan beherrscht nur eine einzige Datei all mein Denken und Tun: die Abschlussarbeit. In meinem Kopf ist es schon ganz wirr; da kommen auch mal die Wörter etwas durcheinander...

Dasselbe Phänomen habe ich vor einigen Wochen im Internet erlebt. Unter http://www.wordle.net/ kann der fündige Surfer und Künstler in spe sich richtig austoben und das Gewirr aus dem Kopf auf Papier, pardon, Bildschirm bringen. In einer freien Minute habe ich dies schon mal ausprobiert und aus den bisherigen Beiträgen dieses Blogs Wortwolken erstellen lassen. Was dabei herausgekommen ist, lässt sich hier begutachten. Ein Künstler bin ich leider nicht geworden, aber Spass macht’s allemal.

Obwohl die Anordnung der Wörter rein zufällig geschieht, widerspiegelt ihre Grösse die Häufigkeit ihres Vorkommens in den Beiträgen. Standardwörter werden übrigens vom Programm automatisch ausgefiltert. Ich bin jedenfalls froh, dass Gott auch in meinen Beiträgen an prominenter Stelle steht Smiley.

Wortwolke-1a

Wortwolke-1b

Wortwolke-2a

Wortwolke-2b

Donnerstag, 10. Mai 2012

Über Berge und Täler

Das Leben eines Seminaristen hat eigentlich sehr viel mit dem Wallis zu tun: Genauso wie in diesem schönen Bergkanton gibt es im Leben eines Seminaristen Höhen und Tiefen, Berge und Täler. Viele Bergsteiger berichten, dass sie in den Bergen und auf den Gipfeln das Gefühl haben, die Sorgen und Nöte unter sich zu lassen und Gott ein Stückchen näher zu sein.

Auch in der Bibel begegnen die Menschen Gott oft auf Bergen. Mose steigt auf den Berg, um mit Gott zu reden und Jesus zieht sich ebenfalls in die Berge zurück um zu beten. Die berühmte Verklärung des Herrn, bei der Jesus den drei Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes in leuchtendem Licht erscheint, fand ebenfalls auf einem Berge statt: dem Tabor (vgl. Mt 17,1-13).

Wer einmal auf einem Berg war, der weiss, dass man auch auf dem schönsten Berg mit der allerschönsten Aussicht nicht ewig bleiben kann. Auch der beeindruckendste Sonnenauf- oder -untergang ist irgendwann einmal vorbei und die Zeit kommt, um wieder ins Tal hinunter zu steigen. "Der Alltag hat uns wieder", und damit beginnen oft die Sorgen und Probleme von neuem, die man beim Aufstieg hinter sich zu lassen glaubte. Hatte man eben noch einen wunderbaren Aus- und Überblick, wird der Weitblick bald einmal wieder durch die Berge versperrt.

Oft geht es mir im Leben ähnlich. Es braucht zwar immer wieder Überwindung, um die schöne Aussicht auf dem Gipfel gegen die Alltagssorgen einzutauschen. Und doch war mir bereits beim Aufstieg bewusst, dass es mir vergönnt sein wird, ewig auf dem Gipfel zu bleiben. So gilt es, die Zeit auf dem Gipfel zu geniessen. Gestärkt durch die eindrückliche Gipfelerfahrung fällt es mir dann einfacher, die Schwierigkeiten im Alltag durchzustehen.

Wer nun beim Lesen gedacht hat, ich spreche aus eigener Erfahrung von echten, hohen Bergen, die ich bezwungen habe, der überschätzt leider meine sportlichen Fähigkeiten. Dennoch gibt es auch in meinem Leben solche "spirituellen Gipfelerlebnisse", bei denen ich das Gefühl hatte, Gott ganz nahe zu sein. Wer nun denkt, ein Seminarist oder gar ein Priester schwebe immer "auf Wolke sieben", den muss ich leider auf den Boden der Realität zurückholen. Nein, auch wir sind ganz "normale Menschen" (wenn man überhaupt von "normal" sprechen kann, wenn jemand in der heutigen Zeit noch diesen Weg einschlägt J). Dennoch geben mir diese Gipfelerfahrungen immer wieder die Kraft, meinen Weg weiter zu gehen, denn sie sind für mich wie ein kleiner Vorgeschmack vom Himmel. Da lässt es sich auch leichter ertragen, wenn nach dem hohen Gipfel einmal ein finsteres Tal folgt, denn wie heisst es so schön im Psalm 23:

Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht. (Ps 23,4).

Von diesen Gipfelerfahrungen in meinem Leben möchte ich in den nächsten Beiträgen wieder einiges berichten...

Samstag, 5. Mai 2012

„Gott allein genügt...“

Die Heilige Theresia schreibt es (in ihrer Muttersprache Spanisch) folgendermassen:

Nada te turbe
nada te espante
quien a Dios tiene
nada le falta
Solo Dios basta.

Was auf Deutsch übersetzt heisst:

Lass Dich nicht ängstigen
lass Dich nicht quälen
Wer sich an Gott hält
dem wird nichts fehlen.
Gott allein genügt.

Ja, Gott allein genügt, um ein Leben zu erfüllen. Diese einfache Feststellung der Heiligen Teresa von Ávila scheint in der heutigen Zeit länger je weniger glaubwürdig zu sein. Wir sind mittlerweilen darauf spezialisiert, unser Leben auf alle möglichen Art und Weisen auszufüllen. Arbeit, Termine, ja sogar die Freizeit muss irgendwie ausgefüllt werden. In der Wirtschaft wird alles "hochgezüchtet" und auf Leistung optimiert. Wer nicht auf den fahrenden Zug der Zeit aufspringt, der bleibt tatenlos auf dem Bahnsteig stehen und kann nur noch den Rücklichtern des abfahrenden Zuges nachschauen.

Um einigermassen angenehm durchs Leben zu kommen, werden wir immer mehr zu "Konsumenten", welche im "Supermarkt des Lebens" nach Herzenslust einkaufen. In der Werbung werden unsere Bedürfnisse bewusst angesprochen und nach Möglichkeit hervorgehoben. So viele Dinge versprechen uns im Leben Genuss, Zufriedenheit, Genugtuung.

Ja, allzu oft habe ich diese Erfahrungen am eigenen Leib erlebt. Und zugleich bin ich immer wieder fasziniert von dieser radikalen Einfachheit der Hl. Theresia: "Gott allein genügt" – wie unendlich befreiend kann diese Erkenntnis für einen modernen Menschen sein! Die Wirklichkeit ist so komplex geworden, dass ich persönlich oft Mühe habe, alles "im Griff" zu behalten. Die modernen Kommunikationsmittel haben vieles vereinfacht, das ist unbestritten. Aber zugleich werden wir täglich von einer solchen Flut von Informationen überschwemmt, dass wir darin zu ertrinken drohen. "Gott allein genügt" – Das haben nehmen sich auch in unserer Zeit einige Menschen ganz besonders zu Herzen und treten in eine religiöse Gemeinschaft ein. Diesen Gemeinschaften leben oft nach der Regel der Armut. Sie wollen frei sein von den irdischen Dingen, um sich ganz dem geistlichen Leben hinzugeben. Sicherlich, das ist nicht jedem von uns so gegeben. Aber es kann uns zumindest nachdenklich stimmen. Was brauchen wir wirklich in unserem Leben. Was ist uns wichtig? Was benötigen wir, um glücklich zu sein?

Und vielleicht kommen einige wie Theresia von Avila zur Erkenntnis: "Solo Dios basta – Gott allein genügt." Vor allem wenn es so stressig zu und her geht wie jetzt gerade kurz vor Studienabschluss, versuche ich mir diese Worte bewusst zu Herzen zu nehmen. Ob es mir auch gelingt, sie im Alltag umzusetzen? Sicher nicht in dem Ausmass, wie ich es gerne möchte. Wenn ich dann am Abend merke, dass es wieder einmal nicht ganz so toll geklappt hat mit den guten Vorsätzen, erinnere ich mich an folgende Gedanken von Edith Stein:

Wenn die Nacht kommt und der Rückblick zeigt,
dass alles nur Stückwerk war
und vieles ungetan geblieben ist;
wenn so manches tiefe Beschämung und Reue weckt:
dann alles nehmen, wie es ist,
es in Gottes Hände legen und ihm überlassen.
So wird man in ihm ruhen können,
wirklich ruhen,
und den neuen Tag wie ein neues Leben beginnen.

Hl. Teresia Benedicta vom Kreuz (= Edith Stein)

Freitag, 27. April 2012

Etwas fehlt mir…

Das Medizinstudium war für mich recht streng; der Stoff war zwar interessant aber zugleich auch anspruchsvoll. Für Erholung blieb hier nicht viel Zeit. An den Abenden war ich oft sehr müde und kaum fähig, die Vorlesungen zu verarbeiten. Schon nach dem ersten Semester des ersten Jahres merkte ich, dass mir in dieser recht schwierigen Situation etwas fehlte, nämlich die Zeit für Gott.

So suchte ich im Internet nach Möglichkeiten, eine Messe zu besuchen. Diese fand ich in der Pfarrei Christ-Roi. Ideal in der Nähe der Universität gelegen, besuchte ich ab diesem Zeitpunkt an falls irgendwie möglich täglich die Heilige Messe. Oft hatte ich den Eindruck, dass dies das einzig sinnvolle war, dass ich abends noch fähig war zu tun. Zeitlich gesehen war es natürlich gegen alle Vernunft, denn die Hausaufgaben und die Bücher stapelten sich in meinem Zimmer zur Genüge.

Da die Messen meist auf Französisch waren, kaufte ich mir ein Schott-Messbuch, wo ich die Lesungen inklusiv einer kleiner Einführung auf Deutsch nachlesen konnte. Diese Erfahrung des täglichen Gottesdienstes, der täglichen Begegnung mit Christus in der Eucharistie, mit jenem, der mir im Leiden nahe war, und das Lesen der Heiligen Schrift gaben mir die Kraft, jeden Tag wieder neu zu beginnen.

Durch dieses Bedürfnis, das Gott in mir geweckt hatte, führte er mich wieder einen Schritt näher zu sich und näher zum Priesterseminar. Übrigens findet morgen Samstag, den 28. April 2012 bei uns im Priesterseminar in Givisiez ein Tag der offenen Tür statt für jene, die gerne Priester werden möchten:

Tag-der-offenen-Tür

Einladung Tag der offenen Tür (gross)

Für Kurzentschlossene hat es sicher noch ein Plätzchen frei... Smiley Vermutlich werden die meisten von euch jedoch nicht daran teilnehmen. Deshalb hier noch eine Möglichkeit für alle, in gewissem Sinn dennoch „anwesend“ zu sein. Seit mehreren Jahren schreibt jedes Jahr einer der Seminaristen ein Berufungsgebet, das wir jeden Tag um 12.30 Uhr im Anschluss an das Mittagsgebet im Seminar beten. Hier nun das Gebet dieses Jahres:

Berufungsgebet

Berufungsgebet 2011/12 (gross)

Dienstag, 17. April 2012

Zufall – oder eben nicht?

Dem aufmerksamen Leser ist vielleicht schon aufgefallen, dass ich immer wieder einmal das Wort "Zufall" in Anführungszeichen setzte. Damit möchte ich zum Ausdruck bringen, dass ich hinter diesen "Zufällen" etwas anderes vermute. So oft habe ich in meinem Leben Situationen erlebt, in denen mein Leben durch eine kleine Begebenheit eine ganz neue Richtung erhielt oder sich ein neuer Sinn erschloss, dass ich mit der Zeit nicht mehr daran zweifelte, dass dort bewusst Gottes Hand am Werk war.

Das beginnt oft mit ganz kleinen, unscheinbaren Dingen, durchzieht dann aber das ganze Leben wie ein roter Faden. Vieles ist im Moment nicht klar als Fügung Gottes ersichtlich und lässt sich erst im Rückblick als solche entdecken. Oft ist aber die helfende Hand Gottes im Alltag direkt spürbar. So ist es mir beispielsweise schon oft passiert, dass ich einen Zug gerade noch erwischt habe weil er just an dem Tag ein paar Minuten Verspätung hatte. Bei einer anderen Gelegenheit habe ich mich dann geärgert, dass ich den Zug knapp verpasst habe. Durch "Zufall" habe ich dann aber einen guten Freund getroffen, den ich schon ewig lang nicht mehr gesehen hatte.

Klar kann man viele dieser kleinen Ereignisse wirklich als Zufall abstempeln, auch wenn es statistisch gesehen zumindest sehr auffällig ist. Spätestens wenn man sich dann einmal hinsetzt und sich die Zeit nimmt, das eigene Leben vor dem inneren Auge Revue passieren zu lassen, fallen einem dann auch grössere solcher "Zufälle" ins Auge. Bei mir beispielsweise hat es bereits damit begonnen, dass sich mein Lebensweg von Traumberuf des Piloten durch das Grounding der Swissair wieder abwandte, wie ich hier bereits berichtet habe. Als ich dann den Weg des Medizinstudiums eingeschlagen hatte und der Eintrittstest (Numerus Clausus) erfolgreich bestanden war, konnte ich nicht wie gewünscht in Bern beginnen, weil dort wegen des doppelten Maturajahrgangs in den umliegenden Kantonen zu viele Bewerber vorhanden waren. So wurde ich nach Fribourg umgeteilt, wo sich "zufälligerweise" auch unser diözesanes Priesterseminar befindet.

In den folgenden Jahren des Medizinstudiums sollten dann noch viele weitere "Zufälle" folgen, die mich wie von sanfter Hand geführt Schritt für Schritt auf den Weg führten, den ich heute gehe – eben der "Weg zum Priestertum". Davon werde ich in den nächsten Beiträgen noch etwas ausführlicher berichten...

Ich möchte hier nun aber auch nicht ins Gegenteil umschlagen und behaupten, dass alles was geschieht von Gott so gewollt und vorherbestimmt ist. Vielmehr nehme ich diese "Zufälle" an als kleine "Aufmerksamkeit" Gottes im Sinne eines kleinen Geschenkes, sozusagen als "Zeichen, dass Er an mich gedacht hat". So erinnern mich diese kleinen Ereignisse immer wieder daran, dass Gott wirklich präsent ist in meinem Leben und sich um mich kümmert – ganz im Gegensatz zum Bild des deistischen "Uhrmachergottes" (vgl. Descartes), der einst die Welt geschaffen hat und sie nun bloss wie ein Uhrwerk laufen lässt ohne einzugreifen.

Dabei akzeptiere ich auch gerne, dass ich vieles nicht direkt verstehen kann. Manchmal gilt es eben, Spannungen auszuhalten, Situationen zu akzeptieren, ohne den direkten Sinn verstehen zu können. Das erinnert mich an ein Zitat aus dem ersten Brief des Apostel Paulus an die Korinther:

"Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin." (1 Kor 13,12)

Bis ich eines Tages klar verstehen und erkennen werde, begnüge ich mich mit der Zusicherung Jesus aus dem Lukas-Evangelium:

"Verkauft man nicht fünf Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch vergisst Gott nicht einen von ihnen. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen." (Lk 12,6-7)