Wie im vorletzten Beitrag beschrieben wählte ich also den Weg des Medizinstudiums. Ein kleines Hintertürchen hielt ich dennoch offen fürs Priesterseminar. Denn bekanntlich gibt's bei den zukünftigen Medizinern den gefürchteten "Numerus clausus", den Zulassungstest. Vielleicht könnte mir Gott ja hier das lang erwartete Zeichen geben. So sagte ich zu mir selbst: "Wenn ich den Test nicht bestehe, ist es sicher ein Zeichen, dass ich doch das Priesterseminar dem Medizinstudium vorziehen sollte." Aber – oh Wunder – ich bestand den Test und nahm dies als Beweis, dass mein Weg nicht ins Seminar führte. Dass Gott mich nicht vor vollendete Tatsachen stellen wollte, spricht doch eigentlich für ihn. J Wie schon in früher angemerkt, habe ich im Rückblick das Gefühl, dass er mir diese Zeit schenken wollte, um meine Entscheidung reifen zu lassen.
Sicherlich hat das Medizinstudium daneben auch viele positive Seiten, selbst für zukünftige Seelsorger. Das sollte ich später im Praktikum in der Spitalseelsorge noch zu spüren bekommen. Mir persönlich half es sehr, den "biologischen Menschen" ein bisschen besser zu verstehen. Ich fand es enorm spannend zu sehen, wie die einzelnen Systeme im Körper zusammen wirken. Wie bereits berichtet, hatte ich mich zuvor eher für Maschinen und Technik interessiert. Nun erfuhr ich, dass der Mensch noch viel komplexer ist als eine blosse Maschine. Vielmehr ist er ein ausgefeiltes, dynamisches System, manchmal sehr labil, teilweise sogar selbstheilend. Kurz: sehr spannend und überaus faszinierend.
Etwas vom Schwierigsten war für mich die Anatomie im Seziersaal. Bereits ab der vierten Woche im ersten Studienjahr standen wir mit Anatomie-Atlas und Skalpell bewaffnet in weissen Kitteln in diesem kühlen Raum und sollten uns an den leblosen Leichnamen weiterbilden. Ich brauchte oft eine recht grosse Überwindung, um diesen Saal zu betreten, die Leichenteile aus dem penetrant riechenden Konservierungsmittel zu heben und danach die Anatomie zu studieren. Die oft etwas herablassende und manchmal auf den ersten Blick pietätslose Art der Assistenten vermochte mir die Sache nicht unbedingt zu erleichtern. Was mir dagegen sehr half, war ein etwa ein Meter hohes Kruzifix an prominenter Stelle. Daneben war eine Tafel angebracht mit einem Zitatvon Niels Stenson (1638-1686, dänischer Arzt und Naturwissenschaftler, später katholischer Priester und Bischof, 1988 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen):
Für die Lateiner unter uns:
"Et hic verus Anatomes finis est,
ut per corporis stupendum artificium
in animae dignitatem et consequenter
per utrisque miracula in Authoris
notitiam et amorem spectatores
subleventur."
Und für alle "Nomalsterblichen" wie mich:
"Das ist der wahre Zweck der Anatomie,
die Zuschauer durch das erstaunenswerte Kunstwerk
des Leibes zur Seele und schliesslich durch das
Wunderbare in beiden zur Kenntnis und Liebe
des Schöpfers zu erheben."
Dieser Spruch, den ich damals in der Originalsprache auswendig lernte und mir immer wieder in Erinnerung rief beim Betreten des Präpariersaals, half mir sehr beim Überwinden meiner Hemmschwelle. In Gedanken wiederholte ich dieses Zitat unzählige Male und war mir gar nicht bewusst, wie diese Worte für mich zum Programm wurden.
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